<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xmlns:session="http://apache.org/cocoon/session/1.0" type="part" subtype="part" ana="#section_02" xml:id="bsb00056732_00077_sec0020" corresp="#bsb00056732_00077">
	  <head><hi style="font-style:italic;">VIII. Das Verhältnis des Fürstenrats Osnabrück zu Schweden</hi></head>
	  <p style="font-style:italic;">Nicht der Fürstenrat Osnabrück selbst, wohl aber der größte Teil seiner Mitglieder stand in engen Beziehungen zu Schweden: Die evangelischen Reichsstände hatten bei Übergabe der <hi style="font-style:normal;">Gravamina Evangelicorum</hi> an Oxenstierna und Salvius am 25. Dezember 1645 ihre Unterstützung bei <pb n="LXXVIII" facs="APWIIIA3-3_p0078" sameAs="#bsb00056732_00078"/>den schwedischen Satisfaktionsforderungen zugesagt, falls sich Schweden weiterhin ihrer annehmen und ihnen besonders bei den <hi style="font-style:normal;">Gravamina</hi> <w lemma="beistehen"><orig>beiste-</orig><orig>hen</orig></w> werde. Der Magdeburger Krull hatte an der Spitze der Delegation gestanden, die dieses Versprechen gegeben hatte. Zwei Tage später hatten die Deputierten im damals noch rein evangelisch besetzten Fürstenrat <w lemma="darüber"><orig>dar-</orig><orig>über</orig></w> berichtet<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0078n213" xml:id="bsb00056732_00078_n01"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00078_001"/> <p style="font-style:italic;">Siehe <hi style="font-style:normal;">APW</hi> III A 3/2, 374 Z. 24–30, 379 Z. 31ff.</p></note>. Da die Evangelischen besorgt waren, daß Schweden sich nach Erfüllung seiner Satisfaktionsansprüche nicht mehr hinreichend für die evangelischen <hi style="font-style:normal;">Gravamina</hi> einsetzen würde oder sie zum <w lemma="Kompensationsobjekt"><orig>Kompensati-</orig><orig>onsobjekt</orig></w> bei den Satisfaktionsverhandlungen machen könne, drängten sie im Fürstenrat auf Abschluß der Beratungen über die Reichssachen (zu <w lemma="denen"><orig>de-</orig><orig>nen</orig></w> die <hi style="font-style:normal;">Gravamina</hi> zählten), ehe sie sich den schwedischen und <w lemma="französischen"><orig>französi-</orig><orig>schen</orig></w> Satisfaktionsforderungen zuwendeten<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0078n214" xml:id="bsb00056732_00078_n02"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00078_002"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 108. Braunschweig-Lüneburg und Sachsen-Altenburg engagierten sich <w lemma="besonders"><orig>beson-</orig><orig>ders</orig></w> (s. S. 199 Z. 25f, 30–33; s. auch <hi style="font-style:smallCaps;">Wolff</hi>, Corpus Evangelicorum, 90; oben bei Anm. 183).</p></note>. Es kam deshalb im <w lemma="Fürstenrat"><orig>Für-</orig><orig>stenrat</orig></w> zu Auseinandersetzungen über die Frage, ob die Kaiserlichen bei Vorliegen des reichsständischen Gutachtens über Klasse I der <w lemma="schwedischen"><orig>schwe-</orig><orig>dischen</orig></w> Replik bereits mit Schweden und Frankreich über die <w lemma="Reichssachen"><orig>Reichs-</orig><orig>sachen</orig></w> verhandeln würden, während die Reichsstände noch über die <w lemma="anderen"><orig>an-</orig><orig>deren</orig></w> drei Klassen der schwedischen Replik berieten. Richtersberger <w lemma="bestritt"><orig>be-</orig><orig>stritt</orig></w> das mit Entschiedenheit, während Lampadius „und andere“ <hi style="font-style:normal;">fast <w lemma="versichern"><orig>ver-</orig><orig>sichern</orig></w></hi> wollten, daß Schweden dazu bereit sei<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0078n215" xml:id="bsb00056732_00078_n03"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00078_003"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 183 Z. 1–6.</p></note>. In Wirklichkeit wartete Schweden voller Ungeduld auf den vollständigen Abschluß der <w lemma="reichsständischen"><orig>reichsstän-</orig><orig>dischen</orig></w> Beratungen und befürchtete neue Verzögerungen durch mehrere Re- und Correlationsverfahren. Mit Rücksicht auf das schwedische <w lemma="Drängen"><orig>Drän-</orig><orig>gen</orig></w> beschloß der Fürstenrat Münster am 22. Februar, erst am Schluß der Beratungen ein einziges Re- und Correlationsverfahren durchzuführen. Doch dann erklärte sich der Kurmainzer Gesandte Raigersperger bereit, den Forderungen der Evangelischen im Fürstenrat Osnabrück <w lemma="nachzugeben"><orig>nachzuge-</orig><orig>ben</orig></w> und eine vorgezogene Re- und Correlation über die Reichssachen <w lemma="abzuhalten"><orig>ab-</orig><orig>zuhalten</orig></w><note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0078n216" xml:id="bsb00056732_00078_n04"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00078_004"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 108 bei Anm. 41; Nr. 110 bei Anm. 23.</p></note>. Sie sollte am 31. März 1646 in Münster stattfinden. Daß sie schließlich doch nicht zustande kam, hatte mit der „Eifersucht“ <hi style="font-style:normal;">(jalousie, gelosia)</hi> der Kronen aufeinander zu tun, deren Prestige eine <w lemma="Gleichbehandlung"><orig>Gleichbe-</orig><orig>handlung</orig></w> der Kongreßstädte Osnabrück (als dem Hauptverhandlungsort Schwedens) und Münster (als dem Hauptverhandlungsort Frankreichs) unerläßlich erscheinen ließ<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0078n217" xml:id="bsb00056732_00078_n05"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00078_005"/> <p style="font-style:italic;">Zur <hi style="font-style:normal;">jalousie</hi> der Kronen s. z. B. auch S. 13 Z. 19ff, S. 181 Z. 12, 184 Z. 4f, S. 217 Z. 40, S. 225 Z. 34, S. 228 Z. 36, S. 247 Z. 11–15.</p></note>. Das auf kurbrandenburgisch-pommersche Initiative hin am 29. März zusammengerufene Corpus Evangelicorum verständigte sich durch Deputierte mit Richtersberger, der die notwendige Korrespondenz mit Münster übernahm und so gleichsam in letzter Minute <pb n="LXXIX" facs="APWIIIA3-3_p0079" sameAs="#bsb00056732_00079"/>am 31. März die geplante Re- und Correlation verhinderte, die <hi style="font-style:normal;">der Cron Schweden verkleinerlich</hi> gewesen wäre<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0079n218" xml:id="bsb00056732_00079_n01"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00079_001"/> <p style="font-style:italic;">So Milagius an die Fürsten von Anhalt, Osnabrück 1646 III 25/IV 4 (<hi style="font-style:smallCaps;">Krause</hi> V.2, 91–94, hier 91f); s. dort auch die Beschreibung der gesamten Vorgänge. Siehe ferner <w lemma="magdeburgisches"><orig>mag-</orig><orig>deburgisches</orig></w> Diarium zu 1646 III 19/29–20/30 in: <hi style="font-style:smallCaps;">Magdeburg</hi> F III fol. 503; <ref type="http" target="http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10492258_00901.html"><hi style="font-style:smallCaps;">Meiern</hi> II, 875</ref>; <hi style="font-style:smallCaps;">ebenda</hi>, 875f Text eines nicht ausgefertigten Briefes des <choice><abbr>CE</abbr><expan>Corpus Evangelicorum</expan></choice> an den <choice><abbr>FRM</abbr><expan>Fürstenrat in Münster</expan></choice> über die geplante Re- und Correlation, Osnabrück III 20/30; eine Kopie wurde zur <w lemma="Kenntnisnahme"><orig>Kennt-</orig><orig>nisnahme</orig></w> an die ev. Fürsten und Stände in Münster geschickt; s. dort 876: Es sei nicht ratsam, <hi style="font-style:normal;">die Herren Schwedische Gesandten zu offendiren,</hi> was durch eine einseitige Re- und Correlation in Münster geschehen würde.</p></note>.</p>
	  <p style="font-style:italic;">Bei dieser Absage spielte auch eine Rolle, daß den Evangelischen zu <w lemma="diesem"><orig>die-</orig><orig>sem</orig></w> Zeitpunkt ohnehin nicht mehr an einer vorgezogenen Re- und <w lemma="Correlation"><orig>Cor-</orig><orig>relation</orig></w> über die Reichssachen gelegen war, da der Fürstenrat Osnabrück inzwischen (am 12. bis 14. März) bereits über die <w lemma="Satisfaktionsforderungen"><orig>Satisfaktionsforderun-</orig><orig>gen</orig></w> beraten hatte. Da sich Ende März eine gleichzeitige Re- und <w lemma="Correlation"><orig>Corre-</orig><orig>lation</orig></w> in Osnabrück und Münster nicht so schnell bewerkstelligen ließ, verzichteten sie lieber ganz auf ein eigenes Re- und Correlationsverfahren über die Reichssachen, für das sie sich in der Fürstenratssitzung am 28. Februar so sehr eingesetzt hatten. Die nach Abschluß der Beratungen am 26. und 27. April veranstaltete Re- und Correlation fand gleichzeitig in Münster und Osnabrück statt. Damit wurde vermieden, daß <hi style="font-style:normal;">den cronen schimpf zugezogen</hi> und Schweden <hi style="font-style:normal;">in gelosia gesäzt werde</hi><note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0079n219" xml:id="bsb00056732_00079_n02"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00079_002"/> <p style="font-style:italic;">So schon die Forderung des <choice><abbr>FRO</abbr><expan>Fürstenrat in Osnabrück</expan></choice> am 8. März (S. 228 Z. 26f, 35f).</p></note>.</p>
	  <p><hi style="font-style:italic;">Die Besorgnis der Evangelischen, daß Schweden sich nach Beratung der Satisfaktionsforderungen nicht mehr für ihre</hi> Gravamina <hi style="font-style:italic;">einsetzen würde, erwies sich als unnötig: Salvius sprach am 29. April mit Trauttmansdorff über die</hi> Gravamina<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0079n220" xml:id="bsb00056732_00079_n03"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00079_003"/> <p><hi style="font-style:italic;">Siehe</hi> APW <hi style="font-style:italic;">II A 4, 109 Z. 15–18.</hi></p></note>. <hi style="font-style:italic;">Zweifellos spielte dabei eine Rolle, daß auch die Evangelischen ihre Zusage eingehalten und im Fürstenrat Osnabrück die Beratung der Frage, ob man</hi> der cron Schweden einige satisfaction <w lemma="schüldig"><orig>schül-</orig><orig>dig</orig></w>, <hi style="font-style:italic;">abgelehnt hatten. So war die von Richtersberger gewünschte negative Antwort vermieden worden</hi><note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0079n221" xml:id="bsb00056732_00079_n04"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00079_004"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 261 Z. 1–12.</p></note><hi style="font-style:italic;">.</hi></p>
	</div>