<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xmlns:session="http://apache.org/cocoon/session/1.0" type="part" subtype="part" ana="#section_02" xml:id="bsb00056732_00074_sec0018" corresp="#bsb00056732_00074">
	  <head><hi style="font-style:italic;">VI. Das Verhältnis des Fürstenrats Osnabrück zum Corpus <w lemma="Evangelicorum"><orig>Evangelico-</orig><orig>rum</orig></w> und zum Corpus Catholicorum; die Gravaminaverhandlungen</hi></head>
	  <p style="font-style:italic;">Im Februar und März 1646 gehörten mehr als vier Fünftel der <w lemma="Reichsstände"><orig>Reichs-</orig><orig>stände</orig></w> des Fürstenrats Osnabrück dem Corpus Evangelicorum an. <w lemma="Faktisch"><orig>Fak-</orig><orig>tisch</orig></w> bildeten sie das Corpus Evangelicorum, denn in diesen Monaten <w lemma="nahmen"><orig>nah-</orig><orig>men</orig></w> an dessen Sitzungen im wesentlichen nur Fürstenratsmitglieder teil<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0074n197" xml:id="bsb00056732_00074_n06"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00074_006"/> <p style="font-style:italic;">Zu den Zahlen s. oben bei Anm. 53, zu den Mitgliedern des <choice><abbr>CE</abbr><expan>Corpus Evangelicorum</expan></choice> <hi style="font-style:smallCaps;">Wolff</hi>, Corpus <w lemma="Evangelicorum"><orig>Evan-</orig><orig>gelicorum</orig></w>, 94.</p></note>. Der Fürstenrat Osnabrück bestand somit de facto aus dem Corpus <pb n="LXXV" facs="APWIIIA3-3_p0075" sameAs="#bsb00056732_00075"/>Evangelicorum unter Einschluß einzelner katholischer Gesandter, deren Position dadurch etwas verbessert wurde, daß mit Österreich einer der Ihren das Direktorium führte. Durch vorher vereinbarte Voten, durch Eingabe gemeinsam beschlossener Schriftsätze<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0075n198" xml:id="bsb00056732_00075_n01"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00075_001"/> <p style="font-style:italic;">Zum <hi style="font-style:normal;">Votum commune</hi> zu Amnestie und Restitution, praes. 1646 III 5, s. Nr. 109 bei Anm. 17; zum Schriftsatz des <choice><abbr>CE</abbr><expan>Corpus Evangelicorum</expan></choice> zur Friedensgarantie, praes. 1646 III 15, s. Nr. 115 bei Anm. 34; zu den ev. <hi style="font-style:normal;">Gravamina politica,</hi> praes. 1646 III 17, s. Nr. 116 bei Anm. 16; zum Schriftsatz des <choice><abbr>CE</abbr><expan>Corpus Evangelicorum</expan></choice> betr. Handelsfragen, verlesen 1646 IV 27, s. Nr. 120 bei Anm. 20.</p></note> und durch die <w lemma="Forderung"><orig>Forde-</orig><orig>rung</orig></w>, daß diese in Correlation und Reichsbedenken aufgenommen werden müßten, versuchten die evangelischen Reichsstände, dem Fürstenrat ihren Willen aufzunötigen. Ihre Taktik wurde am 8. Februar bei der Beratung über die Amnestie offenbar, ihr Postulat nach Berücksichtigung ihrer <w lemma="Minderheitsvoten"><orig>Min-</orig><orig>derheitsvoten</orig></w> zuerst am 13. Februar bei Bekanntgabe der Mehrheits-„Meinung“ des Fürstenrats Münster zur Amnestie nachdrücklich <w lemma="ausgesprochen"><orig>aus-</orig><orig>gesprochen</orig></w><note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0075n199" xml:id="bsb00056732_00075_n02"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00075_002"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 98 und Nr. 101.</p></note>. Die katholischen Reichsstände mit dem Österreichischen Direktor an der Spitze reagierten zurückhaltend; das Verhalten der <w lemma="Evangelischen"><orig>Evan-</orig><orig>gelischen</orig></w> wurde in den Sitzungen weder kommentiert noch kritisiert, die eingereichten Schriftsätze wurden nicht zurückgewiesen. Richtersberger wußte, daß sie in gemeinsamen Sitzungen Absprachen für den Fürstenrat trafen, wie die Erwähnung einer solchen Sitzung im österreichischen <w lemma="Protokoll"><orig>Pro-</orig><orig>tokoll</orig></w> beweist: Der erst bei der Re- und Correlation am 27. April <w lemma="vorgetragene"><orig>vor-</orig><orig>getragene</orig></w> Schriftsatz des Corpus Evangelicorum über Handelsfragen sei, so heißt es dort, <hi style="font-style:normal;">in conciliabulo Magdeburgico</hi> zusammengestellt <w lemma="worden"><orig>wor-</orig><orig>den</orig></w><note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0075n200" xml:id="bsb00056732_00075_n03"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00075_003"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 421 Z. 28f. Das <choice><abbr>CE</abbr><expan>Corpus Evangelicorum</expan></choice> tagte im Magdeburger Quartier. <hi style="font-style:normal;">conciliabulum</hi> bezeichnet normalerweise eine Kirchenversammlung, deren Mitglieder der Irrlehre beschuldigt <w lemma="werden"><orig>wer-</orig><orig>den</orig></w>, oder im verächtlichen Sinn ein kleines, nicht rechtmäßiges Konzil (<hi style="font-style:smallCaps;">Campe</hi> I, 249; <hi style="font-style:smallCaps;">Sleumer</hi>, 228).</p></note>. Diese herabsetzende Charakteristik paßt zu der stillschweigenden Mißbilligung, mit der die katholischen Fürstenratsmitglieder dem <w lemma="Verhalten"><orig>Verhal-</orig><orig>ten</orig></w> der Evangelischen begegneten. Sie steht auch damit im Einklang, daß die auf Reichstagen seit langem praktizierten Separatzusammenkünfte der Protestanten offiziell weder vom Kaiser noch von der katholischen <w lemma="Mehrheit"><orig>Mehr-</orig><orig>heit</orig></w> anerkannt worden waren<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0075n201" xml:id="bsb00056732_00075_n04"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00075_004"/> <p style="font-style:italic;"><hi style="font-style:smallCaps;">Wolff</hi>, Corpus Evangelicorum, 3. Das <choice><abbr>CE</abbr><expan>Corpus Evangelicorum</expan></choice> konstituierte sich erst 1653 als formelle Reichstagsinstitution (<hi style="font-style:smallCaps;">Repgen</hi>, Corpus Evangelicorum, 1320). – Der Begriff <hi style="font-style:normal;">Corpus Evangelicorum</hi> taucht demgemäß in den FR-Protokollen nie auf, ebensowenig der <w lemma="Begriff"><orig>Be-</orig><orig>griff</orig></w> <hi style="font-style:normal;">Corpus Catholicorum.</hi> Beide werden hier benutzt, da sie für die Bezeichnung der Separatverhandlungen der konfessionellen Parteien auf dem <choice><abbr>WFK</abbr><expan>Westfälischer Friedenskongress</expan></choice> gebräuchlich sind.</p></note>.</p>
	  <p style="font-style:italic;">Die kritische Einstellung des Fürstenratsdirektors betraf allerdings nicht unterschiedslos alle Verlautbarungen der Evangelischen. Als Sachsen-<w lemma="Altenburg"><orig>Al-</orig><orig>tenburg</orig></w> am 5. Februar <hi style="font-style:normal;">nomine der herren evangelischen</hi> bat, die <w lemma="Verhandlungen"><orig>Ver-</orig><orig>handlungen</orig></w> über die <hi style="font-style:normal;">Gravamina ecclesiastica</hi> möchten befördert <w lemma="werden"><orig>wer-</orig><orig>den</orig></w><note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0075n202" xml:id="bsb00056732_00075_n05"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00075_005"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 36 Z. 9–13.</p></note>, war Richtersberger bereit, sich dafür einzusetzen. Die <hi style="font-style:normal;">Gravamina</hi> sollten jedoch nicht in den Reichstagskollegien, sondern gesondert durch <pb n="LXXVI" facs="APWIIIA3-3_p0076" sameAs="#bsb00056732_00076"/>Deputierte beider Konfessionsparteien behandelt werden<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0076n203" xml:id="bsb00056732_00076_n01"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00076_001"/> <p style="font-style:italic;">Siehe <ref type="line" subtype="intern" facs="#APWIIIA3-3_p0138n26" target="#bsb00056732_00138_036">Nr. 95 Anm. 26</ref>.</p></note>. Die <w lemma="Evangelischen"><orig>Evangeli-</orig><orig>schen</orig></w> zählten sie zu den wichtigsten Gegenständen überhaupt<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0076n204" xml:id="bsb00056732_00076_n02"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00076_002"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 36 Z. 14.</p></note> und drängten auf den Beginn direkter, mündlicher Verhandlungen, während die im Corpus Catholicorum zusammengeschlossenen katholischen <w lemma="Reichsstände"><orig>Reichs-</orig><orig>stände</orig></w> den Behandlungsbeginn verzögerten<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0076n205" xml:id="bsb00056732_00076_n03"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00076_003"/> <p><hi style="font-style:italic;">Bayern und Würzburg fanden sich zur Behandlung der Religionsbeschwerden auf dem <choice><abbr>WFK</abbr><expan>Westfälischer Friedenskongress</expan></choice> nur zögernd bereit (</hi><hi style="font-style:smallCaps;">Jürgensmeier</hi>, <hi style="font-style:italic;">74f;</hi> <hi style="font-style:smallCaps;">Immler</hi>, <hi style="font-style:italic;">279–298;</hi> <hi style="font-style:smallCaps;">Albrecht</hi>, <hi style="font-style:italic;">Maximilian, 1033–1041); zur Haltung beider s. auch oben bei Anm. 113, zu den <w lemma="Gravaminaverhandlungen"><orig>Gravaminaverhand-</orig><orig>lungen</orig></w> insgesamt und zur ksl. Position s.</hi> <hi style="font-style:smallCaps;">Wolff</hi>, <hi style="font-style:italic;">Corpus Evangelicorum, 151–176;</hi> <hi style="font-style:smallCaps;"><w lemma="Repgen"><orig>Rep-</orig><orig>gen</orig></w></hi>, <hi style="font-style:italic;">Hauptprobleme, 412.</hi></p></note>. Richtersberger kam dem Wunsch der Evangelischen nach und konnte schon am 10. Februar im <w lemma="Fürstenrat"><orig>Für-</orig><orig>stenrat</orig></w> bekanntgeben, daß die katholischen <hi style="font-style:normal;">Gegenbeschwerden</hi> nunmehr vorlägen, was einen baldigen Beginn der mündlichen Verhandlungen <w lemma="erhoffen"><orig>er-</orig><orig>hoffen</orig></w> ließ<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0076n206" xml:id="bsb00056732_00076_n04"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00076_004"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 100 bei Anm. 5.</p></note>. Am 21. Februar gab er während der Fürstenratssitzung <w lemma="bekannt"><orig>be-</orig><orig>kannt</orig></w>, daß <hi style="font-style:normal;">die herrn catholischen</hi> einen Beschluß über die Gravamina überschickt hätten. Trauttmansdorff hatte Richtersberger aus dem <w lemma="Sitzungssaal"><orig>Sit-</orig><orig>zungssaal</orig></w> rufen lassen, um ihm diese Information zu übermitteln, und <w lemma="dieser"><orig>die-</orig><orig>ser</orig></w> richtete den Evangelischen sogleich aus, daß Trauttmansdorff wegen dieser Angelegenheit eine Deputation erbitte<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0076n207" xml:id="bsb00056732_00076_n05"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00076_005"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 106 bei Anm. 56.</p></note>. Diese Unterbrechung der Fürstenratssitzung zeigt, wie wichtig sowohl Trauttmansdorff als auch Richtersberger die Gravaminaverhandlungen nahmen. Beide erkannten in diesem Zusammenhang auch die Evangelischen im Fürstenrat und damit das Corpus Evangelicorum als zuständiges Gremium an. Die Kritik richtete sich demnach gegen das Engagement des Corpus Evangelicorum in <w lemma="allgemeinpolitischen"><orig>all-</orig><orig>gemeinpolitischen</orig></w> Fragen, nicht gegen seinen Einsatz für konfessionelle <w lemma="Belange"><orig>Be-</orig><orig>lange</orig></w> und die Gravaminaverhandlungen, die seit der Reformation faktisch in seinen Zuständigkeitsbereich gefallen waren<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0076n208" xml:id="bsb00056732_00076_n06"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00076_006"/> <p style="font-style:italic;">Entsprechend fiel auch die (von Richtersberger inspirierte) Kritik Lambergs und Kranes beim Ks. vom 22. März 1646 aus (<hi style="font-style:normal;">APW</hi> II A 3, 436 Z. 9f). Zu der Behandlung der <hi style="font-style:normal;">Gravamina</hi> durch das <choice><abbr>CE</abbr><expan>Corpus Evangelicorum</expan></choice> s. <hi style="font-style:smallCaps;">Repgen</hi>, Corpus Evangelicorum, 1320.</p></note>. – Das Corpus <w lemma="Catholicorum"><orig>Catholi-</orig><orig>corum</orig></w> wird im übrigen nur im Zusammenhang mit dieser <w lemma="Vermittlungsaktion"><orig>Vermittlungs-</orig><orig>aktion</orig></w> Richtersbergers erwähnt; der Fürstenrat Osnabrück als solcher <w lemma="unterhielt"><orig>un-</orig><orig>terhielt</orig></w> keine Kontakte zu dieser Vertretung der katholischen Reichsstände.</p>
	</div>