<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><div xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xmlns:session="http://apache.org/cocoon/session/1.0" type="part" subtype="part" ana="#section_02" xml:id="bsb00056732_00054_sec0012" corresp="#bsb00056732_00054">
	  <head><hi style="font-style:italic;">II. Die Gruppierungen im Fürstenrat Osnabrück und ihre <w lemma="Meinungsbildung"><orig>Meinungsbil-</orig><orig>dung</orig></w></hi></head>
	  <p style="font-style:italic;">In den 24 Sitzungen des Fürstenrats Osnabrück zwischen dem 3. Februar und 19. April 1646 führten die Gesandten in zwanzig Fällen ein <w lemma="einstimmiges"><orig>einstim-</orig><orig>miges</orig></w> Votum zu der vom Direktorium vorgegebenen, „proponierten“ <w lemma="Frage"><orig>Fra-</orig><orig>ge</orig></w>, während in 17 Fällen kein einheitliches Ergebnis zustande kam. Dieser Eindruck mehrheitlicher Übereinstimmung täuscht insofern, als es bei den Fragen mit einstimmigem Ergebnis bisweilen um Probleme ging, die für weniger wichtig gehalten wurden<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0054n67" xml:id="bsb00056732_00054_n01"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00054_001"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 109: der Anlaß der Beratung wurde als Verzögerung der <w lemma="Friedensverhandlungen"><orig>Friedensverhandlun-</orig><orig>gen</orig></w> beklagt (S. 206 Z. 3–6, 17–32), fünf <choice><abbr>Ges.</abbr><expan>Gesandter, Gesandte</expan></choice> waren nicht instruiert; Nr. 100: Bayern war indifferent, drei <choice><abbr>Ges.</abbr><expan>Gesandter, Gesandte</expan></choice> waren nicht instruiert, für Würzburg war die Beschäftigung mit Reichssachen wichtiger gewesen als die mit dem Beratungsgegenstand (S. 94 Z. 24, S. 95 Z. 5–8, S. 96 Z. 1f, S. 97 Z. 1, S. 102 Z. 23); Nr. 102: der Beratungsgegenstand galt nicht als <hi style="font-style:normal;">haubtfrage</hi> (S. 132 Z. 32).</p></note>. Manchmal bündelte das Direktorium auch unterschiedliche Auffassungen harmonisierend zu einer einheitlichen „Meinung“ (einem einheitlichen Beratungsergebnis)<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0054n68" xml:id="bsb00056732_00054_n02"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00054_002"/> <p style="font-style:italic;">Siehe z. B. Nr. 115, Umfrage 4. – Zu dem Terminus technicus „Meinung“ s. unten Anm. 143.</p></note>. Gelegentlich <w lemma="wurden"><orig>wur-</orig><orig>den</orig></w> die Voten am Schluß zu einer einzigen „Meinung“ zusammengefaßt, obwohl ein Gesandter anderer Ansicht gewesen war<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0054n69" xml:id="bsb00056732_00054_n03"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00054_003"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 116, Umfrage 1 – Österreich hatte eine abweichende Meinung vertreten.</p></note>, und einmal rief die vom Direktorium formulierte „Meinung“ die Kritik einiger Gesandter hervor, ohne daß dies beachtet wurde<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0054n70" xml:id="bsb00056732_00054_n04"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00054_004"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 116, Umfrage 5 (Ende des Protokolls).</p></note>. Noch stärker fällt ins Gewicht, daß es bei uneinheitlichem Beratungsergebnis fast immer dieselben Reichsstände waren, die sich zu einer – fast – homogenen Gruppe mit <w lemma="einheitlichem"><orig>ein-</orig><orig>heitlichem</orig></w> Votum zusammenfanden: Die evangelischen Gesandten legten in zwölf Fällen ein übereinstimmendes Votum ab, in vier weiteren wichen nur ein oder zwei aus ihren Reihen vom Votum der übrigen ab, und in einer Umfrage suspendierte ein Gesandter sein Votum. Verschiedentlich wurde diese Gruppe durch einen oder mehrere katholische(n) Gesandte(n) verstärkt<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0054n71" xml:id="bsb00056732_00054_n05"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00054_005"/> <p style="font-style:italic;">In Nr. 96 und 96 votierte Österreich in Punkt 2 und 3 der Proposition wie die ev. <choice><abbr>Ges.</abbr><expan>Gesandter, Gesandte</expan></choice>, in Nr. 97 votierten Würzburg und Basel in Umfrage 1 wie die ev. <choice><abbr>Ges.</abbr><expan>Gesandter, Gesandte</expan></choice>, in Nr. 108 (Röm. Kg.swahl) votierte Würzburg wie Pommern, in Nr. 112 (schwed. Satisfaktion) votierten Bayern und Würzburg wie die ev. <choice><abbr>Ges.</abbr><expan>Gesandter, Gesandte</expan></choice>, in Nr. 113 (frz. Satisfaktion) Bayern, Würzburg und Basel, in Nr. 118 verlangte Salzburg wie fast alle ev. <choice><abbr>Ges.</abbr><expan>Gesandter, Gesandte</expan></choice> die wörtliche Aufnahme der ev. <hi style="font-style:normal;">Gravamina politica</hi> in die Correlation.</p></note>, so daß man nicht von einer durchgehenden Polarisierung nach <pb n="LV" facs="APWIIIA3-3_p0055" sameAs="#bsb00056732_00055"/>konfessionellen Gesichtspunkten sprechen kann. Der Eindruck einer <w lemma="großen"><orig>gro-</orig><orig>ßen</orig></w> Solidarität der evangelischen Gesandten verstärkt sich, wenn man <w lemma="neben"><orig>ne-</orig><orig>ben</orig></w> dem Votieren andere Akte und Reaktionen betrachtet: Sie reagierten auf die Anzeige des Direktoriums, daß die katholischen <hi style="font-style:normal;"><w lemma="Gegenbeschwerden"><orig>Gegenbeschwer-</orig><orig>den</orig></w></hi> nunmehr vorlägen, fast einheitlich mit Dank, Freude und guten <w lemma="Wünschen"><orig>Wün-</orig><orig>schen</orig></w> für einen erfolgreichen Verlauf der Gravaminaverhandlungen<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0055n72" xml:id="bsb00056732_00055_n01"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00055_001"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 100: nur Magdeburg begnügte sich mit einer Wiederholung der Anzeige des Direktors, Hessen-Darmstadt stimmte nur summarisch wie Sachsen-Altenburg und <w lemma="andere"><orig>ande-</orig><orig>re</orig></w>, so daß lediglich Sachsen-Lauenburg aus dem Rahmen fiel, indem es die Anzeige ganz unkommentiert ließ.</p></note>. Ein von Bayern und Würzburg erhobener Protest wurde von allen <w lemma="evangelischen"><orig>evan-</orig><orig>gelischen</orig></w> Gesandten einmütig zurückgewiesen<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0055n73" xml:id="bsb00056732_00055_n02"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00055_002"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 111 (S. 242–255).</p></note>, und als das <w lemma="Österreichische"><orig>Österreichi-</orig><orig>sche</orig></w> Direktorium am 21. Februar die Diktatur eines Schriftsatzes <w lemma="verweigerte"><orig>verwei-</orig><orig>gerte</orig></w>, wurde sie von allen Evangelischen einhellig und wiederholt <w lemma="verlangt"><orig>ver-</orig><orig>langt</orig></w><note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0055n74" xml:id="bsb00056732_00055_n03"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00055_003"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 106 (S. 170 Z. 21, S. 175 Z. 28).</p></note>. Ihre Solidarität ist besonders auffällig bei der Zustimmung zu <w lemma="unaufgefordert"><orig>un-</orig><orig>aufgefordert</orig></w> abgegebenen Erklärungen Magdeburgs, die thematisch ganz oder zum Teil über die Tagesordnungspunkte hinausgingen: Am 8. <w lemma="Februar"><orig>Fe-</orig><orig>bruar</orig></w> legte Krull ein ausführliches, am folgenden Tag schriftlich <w lemma="vorgelegtes"><orig>vorgeleg-</orig><orig>tes</orig></w> Votum ab<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0055n75" xml:id="bsb00056732_00055_n04"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00055_004"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 58 Z. 31 – S. 63 Z. 24; S. 80 Z. 36 und S. 81 Z. 5.</p></note>. Am 9. Februar folgte ein weiteres Votum von <w lemma="beträchtlicher"><orig>beträcht-</orig><orig>licher</orig></w> Länge, das ausdrücklich auch Punkte berührte, die vom <w lemma="Direktorium"><orig>Direkto-</orig><orig>rium</orig></w> nicht zur Umfrage gestellt worden waren. Am 8. Februar bezogen sich die evangelischen Votanten fast alle ausdrücklich auf das <w lemma="Magdeburger"><orig>Magdebur-</orig><orig>ger</orig></w> Votum und oft zusätzlich auf die folgenden Voten, die sich ihrerseits schon auf Magdeburg berufen hatten, so daß das Bild einer fast <w lemma="vollkommenen"><orig>vollkom-</orig><orig>menen</orig></w> Einigkeit entsteht<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0055n76" xml:id="bsb00056732_00055_n05"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00055_005"/> <p style="font-style:italic;">Pfalz-Lautern und -Simmern bezogen sich auf Magdeburg, Sachsen-Altenburg auf <w lemma="Magdeburg"><orig>Mag-</orig><orig>deburg</orig></w> und Pfalz-Lautern und -Simmern, Sachsen-Coburg auf Magdeburg, Sachsen-<w lemma="Altenburg"><orig>Al-</orig><orig>tenburg</orig></w> und Pfalz-Lautern (etc.), s. Nr. 98.</p></note>. Nur Hessen-Darmstadt bildete eine <w lemma="Ausnahme"><orig>Ausnah-</orig><orig>me</orig></w>, indem es sein Votum suspendierte, was Sachsen-Altenburg in der nächsten Sitzung zu einer kritischen Anspielung veranlaßte, und was <hi style="font-style:normal;"><w lemma="privatim"><orig>pri-</orig><orig>vatim</orig></w></hi> von <hi style="font-style:normal;">vielen</hi> evangelischen Gesandten kritisiert wurde<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0055n77" xml:id="bsb00056732_00055_n06"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00055_006"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 99 bei Anm. 23 und S. 69 Z. 31–36.</p></note>. Am 9. <w lemma="Februar"><orig>Fe-</orig><orig>bruar</orig></w> wiederholte sich die ausdrückliche Bezugnahme auf Magdeburg und schloß dabei teilweise noch einmal das Magdeburger Votum vom Vortag ein. Einige evangelische Gesandte erklärten sogar, daß sie das Magdeburger Votum wörtlich wiederholen wollten<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0055n78" xml:id="bsb00056732_00055_n07"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00055_007"/> <p style="font-style:italic;">So Pfalz-Lautern, Sachsen-Weimar, Württemberg, Baden-Durlach (S. 83 Z. 20–23, S. 84 <hi style="font-style:normal;">Z.</hi> 31–34, S. 88 Z. 16f, S. 89 Z. 6–10).</p></note>. Das befremdet um so mehr, als die Gesandten normalerweise längere Texte bei einmaligem Vortrag zu schlecht verstehen konnten, um dazu Stellung zu nehmen<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0055n79" xml:id="bsb00056732_00055_n08"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00055_008"/> <p style="font-style:italic;">So gaben z. B. die <choice><abbr>Ges.</abbr><expan>Gesandter, Gesandte</expan></choice> Pommerns und Mecklenburgs am 15. März an, einen elf Punkte umfassenden, von Krull verlesenen Schriftsatz nicht hinreichend verstanden zu haben (S. 344 Z. 1f und 18).</p></note>.</p>
	  <p style="font-style:italic;"><pb n="LVI" facs="APWIIIA3-3_p0056" sameAs="#bsb00056732_00056"/>Wenn die evangelischen Gesandten die langen und materialreichen <w lemma="Magdeburger"><orig>Mag-</orig><orig>deburger</orig></w> Voten vom 8. und 9. Februar ohne Zögern nachdrücklich, <w lemma="pauschal"><orig>pau-</orig><orig>schal</orig></w> und wiederholt akzeptierten, so erlaubt das den Schluß, daß ihnen diese Texte schon vor den Sitzungen bekannt gewesen sein müssen. Das folgerte auch der Österreichische Direktor und informierte noch am 8. <w lemma="Februar"><orig>Fe-</orig><orig>bruar</orig></w> den kaiserlichen Hof, daß die Protestanten vor den Sitzungen <w lemma="gemeinsam"><orig>ge-</orig><orig>meinsam</orig></w> über ihr Votum beraten hätten<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0056n80" xml:id="bsb00056732_00056_n01"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00056_001"/> <p><hi style="font-style:smallCaps;">Österreich</hi> <hi style="font-style:italic;">A II (XXXII) fol. 116–116’, hier fol. 116.</hi></p></note>. In Wirklichkeit hatten sich die Evangelischen schon vor Beginn der Hauptberatungen auf eine <w lemma="einheitliche"><orig>einheitli-</orig><orig>che</orig></w> Votenführung verständigt. Dazu war das seit Oktober 1645 von ihnen ausgearbeitete Gutachten über die französischen, schwedischen und <w lemma="kaiserlichen"><orig>kai-</orig><orig>serlichen</orig></w> Gesamtforderungen für den Friedensvertrag zunächst <w lemma="überarbeitet"><orig>überarbei-</orig><orig>tet</orig></w>, und es waren Teile desselben in die Form eines Einzelvotums gebracht worden, das Magdeburg als erster evangelischer Votant vortrug<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0056n81" xml:id="bsb00056732_00056_n02"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00056_002"/> <p><hi style="font-style:italic;">Siehe dazu</hi> <hi style="font-style:smallCaps;">Brunert</hi>, <hi style="font-style:italic;">in</hi> APW <hi style="font-style:italic;">III A 3/1, LXVIII.</hi></p></note>. Die Magdeburger Voten vom 8. und 9. Februar gingen daher letztlich auf Entwürfe des Braunschweigers Lampadius vom Oktober 1645 zurück, über die der damals noch ganz evangelisch besetzte Fürstenrat am 15. und 16. November 1645 beraten hatte<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0056n82" xml:id="bsb00056732_00056_n03"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00056_003"/> <p><hi style="font-style:italic;">Siehe</hi> APW <hi style="font-style:italic;">III A 3/1, 394 Anm. 42;</hi> APW <hi style="font-style:italic;">III A 3/2 Nr. 32, 33.</hi></p></note>.</p>
	  <p style="font-style:italic;">Magdeburg übernahm in den folgenden Wochen immer wieder die Rolle des Sprechers der evangelischen Fürstenratsmitglieder und trat meist offen als deren Repräsentant auf. So übergab Krull am 5. März im Namen der Evangelischen ein <hi style="font-style:normal;">Votum commune</hi> über Amnestie und Restitution, das eine überarbeitete Fassung seines Votums vom 8. Februar darstellte<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0056n83" xml:id="bsb00056732_00056_n04"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00056_004"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 109 bei Anm. 17.</p></note>. Alle späteren evangelischen Votanten wiederholten die Forderung, daß <w lemma="Magdeburgs"><orig>Mag-</orig><orig>deburgs</orig></w> Schriftsatz wörtlich in die Correlation des Fürstenrats<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0056n84" xml:id="bsb00056732_00056_n05"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00056_005"/> <p style="font-style:italic;">Eine <hi style="font-style:normal;">Correlation</hi> ist die Zusammenfassung der Beschlüsse des FR, die in einem Re- und Correlationsverfahren (dazu unten bei Anm. 166) dem <choice><abbr>KFR</abbr><expan>Kurfürstenrat</expan></choice> und dem SR zur Kenntnis gebracht wird (<hi style="font-style:smallCaps;">Moser</hi> IL, 122).</p></note> und <w lemma="später"><orig>spä-</orig><orig>ter</orig></w> in das Reichsbedenken übernommen werden solle. Am 15. März verlas Krull einen Schriftsatz zur Friedensgarantie, von dem er selbst sagte, daß er Punkte enthalte, die weder Frankreich noch Schweden fordere<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0056n85" xml:id="bsb00056732_00056_n06"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00056_006"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 340 Z. 1–5.</p></note>. Auch dieser Schriftsatz sollte in die Correlation des Fürstenrats und das <w lemma="Reichsbedenken"><orig>Reichs-</orig><orig>bedenken</orig></w> übernommen werden. Magdeburg selbst und alle späteren evangelischen Votanten behielten sich Ergänzungen vor. Das Verhalten der übrigen Protestanten war dieses Mal uneinheitlich: Sachsen-Altenburg (Thumbshirn) begründete ausführlicher als Magdeburg die Pflicht der Reichsstände, für die Friedenssicherung Sorge zu tragen, und leitete <w lemma="daraus"><orig>dar-</orig><orig>aus</orig></w> das Recht ab, selbständig Forderungen zu „proponieren“<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0056n86" xml:id="bsb00056732_00056_n07"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00056_007"/> <p><hi style="font-style:italic;">Siehe S. 341 Z. 11:</hi> das uns obliege [...]; <hi style="font-style:smallCaps;">ebenda</hi> <hi style="font-style:italic;">Z. 8f:</hi> weren [...] von Magdeburg <w lemma="proponiret"><orig>pro-</orig><orig>poniret</orig></w> worden.</p></note>. <w lemma="Tatsächlich"><orig>Tatsäch-</orig><orig>lich</orig></w> war das Vorbringen von Punkten, die nicht in der Umfrage enthalten <pb n="LVII" facs="APWIIIA3-3_p0057" sameAs="#bsb00056732_00057"/>waren, ein Eingriff in die Rechte des Fürstenratsdirektors, dem die <w lemma="Proposition"><orig>Pro-</orig><orig>position</orig></w> zustand<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0057n87" xml:id="bsb00056732_00057_n01"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00057_001"/> <p style="font-style:italic;">Siehe dazu unten bei Anm. 129.</p></note>. Wie Thumbshirn billigten auch Carpzov, Heher und Lampadius mit den übrigen herzoglich sächsischen bzw. <w lemma="braunschweigischen"><orig>braunschweigi-</orig><orig>schen</orig></w> Stimmen den Schriftsatz. Erst der pommersche Gesandte Wesenbeck gab an, nicht alles verstanden zu haben, und suspendierte sein Votum bis zur schriftlichen Vorlage. Die nach ihm Votierenden reagierten ähnlich; Hessen-Darmstadt billigte den Schriftsatz nur mit der Einschränkung <hi style="font-style:normal;"><w lemma="soviel"><orig>so-</orig><orig>viel</orig></w> als nötig und nüzlich</hi><note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0057n88" xml:id="bsb00056732_00057_n02"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00057_002"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 345 Z. 6f.</p></note>. Anscheinend hat zumindest ein Teil von <w lemma="ihnen"><orig>ih-</orig><orig>nen</orig></w> den Schriftsatz vor der Sitzung nicht gekannt, so daß Magdeburg ihn nicht im Auftrag aller verlesen haben kann. Dafür spricht auch, daß Pfalz-Lautern in dieser Sitzung das erste evangelische Votum führte und somit den Schriftsatz hätte verlesen müssen, wenn er vom ersten <w lemma="evangelischen"><orig>evangeli-</orig><orig>schen</orig></w> Votanten im Namen aller vorgetragen worden wäre. Daß der Schriftsatz dennoch die – zum Teil vorbehaltliche – Zustimmung der <w lemma="meisten"><orig>mei-</orig><orig>sten</orig></w> anderen Evangelischen fand, spricht für ihre große Solidarität auch bei noch nicht abgeschlossener Meinungsbildung.</p>
	  <p style="font-style:italic;">In der nächsten Sitzung trug Magdeburg erneut einen Schriftsatz vor, der noch am selben Tag dem Fürstenratsdirektorium schriftlich vorgelegt und in Correlation und Reichsbedenken aufgenommen werden sollte<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0057n89" xml:id="bsb00056732_00057_n03"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00057_003"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 116 bei Anm. 16.</p></note>. Diese evangelischen <hi style="font-style:normal;">Gravamina politica</hi> waren tags zuvor in einer Sitzung des Corpus Evangelicorum gebilligt worden<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0057n90" xml:id="bsb00056732_00057_n04"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00057_004"/> <p style="font-style:italic;">Das ergibt sich aus einer Bemerkung Wesenbecks (s. Nr. 116 bei Anm. 38). Zum <choice><abbr>CE</abbr><expan>Corpus Evangelicorum</expan></choice> s. unten S. LXXIVff.</p></note>. Wesenbeck war nicht zu dieser Sitzung geladen worden und stimmte dem Schriftsatz nur unter <w lemma="Vorbehalten"><orig>Vorbehal-</orig><orig>ten</orig></w> zu. Die übrigen evangelischen Gesandten billigten ihn, behielten sich aber Ergänzungen vor. Basel, das sich in der Regel pauschal dem vor Magdeburg votierenden Würzburg anschloß und so nichts zu dem <w lemma="Magdeburger"><orig>Mag-</orig><orig>deburger</orig></w> Votum anmerken mußte, ging hier aus inhaltlichen Gründen auf einen Punkt ein, wollte sich aber sonst nicht zu dem Schriftsatz äußern<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0057n91" xml:id="bsb00056732_00057_n05"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00057_005"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 357 Z. 18–22.</p></note>. Auch der Österreichische Direktor sagte nur, daß er auf die schriftliche Fassung warte<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0057n92" xml:id="bsb00056732_00057_n06"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00057_006"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 363 Z. 17.</p></note>. Noch in derselben Sitzung brachte Magdeburg erneut Punkte vor, die der Fürstenratsdirektor nicht proponiert hatte, stieß dabei aber in den eigenen Reihen auf Kritik, indem Thumbshirn und <w lemma="Lampadius"><orig>Lampa-</orig><orig>dius</orig></w> Krull zurechtwiesen, während Richtersberger schwieg<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0057n93" xml:id="bsb00056732_00057_n07"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00057_007"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 370 Z. 22ff; S. 371 Z. 28–31.</p></note>. Daß er das Verhalten Krulls gleichwohl mißbilligte, ergibt sich aus einer Beschwerde der kaiserlichen Gesandten Lamberg und Krane beim Kaiser, die auf <w lemma="seinen"><orig>sei-</orig><orig>nen</orig></w> Informationen beruhte<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0057n94" xml:id="bsb00056732_00057_n08"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00057_008"/> <p style="font-style:italic;">Lamberg und Krane an Ks. Ferdinand III., Osnabrück, 1646 III 22 (<hi style="font-style:normal;">APW</hi> II A 3, 436 Z. 7–22; Z. 21 ist Richtersberger erwähnt).</p></note>: Ihre Behauptung, daß die evangelischen <pb n="LVIII" facs="APWIIIA3-3_p0058" sameAs="#bsb00056732_00058"/>Fürstenratsmitglieder durch vorherige Absprachen gebunden seien und kein freies Votum führten, ist allerdings insofern zu modifizieren, als <w lemma="einzelne"><orig>ein-</orig><orig>zelne</orig></w> Reichsstände wie Pommern und Hessen-Darmstadt eben doch <w lemma="fallweise"><orig>fall-</orig><orig>weise</orig></w> abweichend votierten. Die kritischen Anspielungen auf die <w lemma="Suspension"><orig>Suspen-</orig><orig>sion</orig></w> des hessen-darmstädtischen Votums vom 8. Februar<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0058n95" xml:id="bsb00056732_00058_n01"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00058_001"/> <p style="font-style:italic;">Siehe oben bei Anm. 77.</p></note> zeigen <w lemma="allerdings"><orig>aller-</orig><orig>dings</orig></w>, daß Dissidenten Kritik zu erwarten hatten und so eine Art <w lemma="Gruppenzwang"><orig>Grup-</orig><orig>penzwang</orig></w> ausgeübt wurde.</p>
	  <p style="font-style:italic;">In der Plenarversammlung vom 27. April trat Magdeburg erneut als Repräsentant der Evangelischen hervor: Nachdem Kurfürstenrat und Städterat den Saal verlassen hatten, der Fürstenrat zur Umfrage <w lemma="zusammengetreten"><orig>zusam-</orig><orig>mengetreten</orig></w> war und die Reihe an Magdeburg kam, sonderten sich die Evangelischen zu einer internen Beratung ab. Nach dieser Unterredung bat Magdeburg namens der Evangelischen um die Erlaubnis zur <w lemma="erneuten"><orig>er-</orig><orig>neuten</orig></w> Separation. Die evangelischen Gesandten versammelten sich <w lemma="daraufhin"><orig>dar-</orig><orig>aufhin</orig></w> am einen, die katholischen Gesandten am anderen Ende des Raumes und vollzogen damit gewissermaßen eine <hi style="font-style:normal;">Itio in partes.</hi> Dieses Auseinandertreten nach Maßgabe ihrer Konfessionszugehörigkeit hatte allerdings (anders als das später in Artikel V,52 IPO geregelte <w lemma="Verfahren"><orig>Verfah-</orig><orig>ren</orig></w><note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0058n96" xml:id="bsb00056732_00058_n02"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00058_002"/> <p><hi style="font-style:italic;">Siehe dazu</hi> <hi style="font-style:smallCaps;">Heckel</hi>; <hi style="font-style:smallCaps;">Bernard</hi>; <hi style="font-style:smallCaps;">Repgen</hi>, <hi style="font-style:italic;">Hauptprobleme, 417.</hi></p></note>) nicht das Ziel einer Einigung der Konfessionsparteien, denn bei diesem außerordentlichen Verfahren war vorausgesetzt worden, daß die <hi style="font-style:normal;">Bedenken</hi> der Reichsräte keinen von ihnen binden sollten<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0058n97" xml:id="bsb00056732_00058_n03"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00058_003"/> <p style="font-style:italic;">So der von Richtersberger formulierte Vorbehalt (Nr. 120 bei Anm. 15); zum ao. <w lemma="Verfahren"><orig>Ver-</orig><orig>fahren</orig></w> s. auch unten bei Anm. 258.</p></note>. Vielmehr kann sie nur der kurzen Absprache über das gedient haben, was <w lemma="Magdeburg"><orig>Mag-</orig><orig>deburg</orig></w> nach erneutem Zusammentritt aller Fürstenratsmitglieder <hi style="font-style:normal;"><w lemma="communi"><orig>com-</orig><orig>muni</orig></w> dominorum evangelicorum nomine</hi> „proponierte“<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0058n98" xml:id="bsb00056732_00058_n04"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00058_004"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 419 Z. 32f.</p></note>. Krull <w lemma="behandelte"><orig>behan-</orig><orig>delte</orig></w> zwei Punkte und verlas einen Schriftsatz über Handelsfragen, der im Corpus Evangelicorum zusammengestellt worden war, wie das <w lemma="österreichische"><orig>öster-</orig><orig>reichische</orig></w> Protokoll vermerkt<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0058n99" xml:id="bsb00056732_00058_n05"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00058_005"/> <p><hi style="font-style:italic;">Siehe S. 421 Z. 28f:</hi> in conciliabulo Magdeburgico. <hi style="font-style:italic;">Zu diesem Begriff s. unten Anm. 200.</hi></p></note>. Der Entwurf stammte sogar von Krull persönlich, doch hatte er ihn im Auftrag des Corpus Evangelicorum <w lemma="aufgesetzt"><orig>auf-</orig><orig>gesetzt</orig></w><note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0058n100" xml:id="bsb00056732_00058_n06"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00058_006"/> <p style="font-style:italic;">Siehe <ref type="line" subtype="intern" facs="#APWIIIA3-3_p0549n4" target="#bsb00056732_00549_037">Nr. 120 Anm. 4</ref>.</p></note>.</p>
	  <p style="font-style:italic;">Magdeburgs Rolle hat sich somit im Laufe der Beratungen gewandelt: Zunächst hatte Krull (am 8. und 9. Februar) scheinbar nur das <w lemma="Magdeburger"><orig>Magdebur-</orig><orig>ger</orig></w> Votum im Namen des Administrators vorgetragen, dem sich die <w lemma="übrigen"><orig>übri-</orig><orig>gen</orig></w> evangelischen Gesandten angeschlossen hatten. Dabei war leicht durchschaubar, daß diese Übereinstimmung auf vorheriger Absprache <w lemma="beruhte"><orig>be-</orig><orig>ruhte</orig></w>. Am 5. März trat Krull bei Übergabe des <hi style="font-style:normal;">Votum commune</hi> offen als Repräsentant des Corpus Evangelicorum hervor. Am 15. März verlas er einen Schriftsatz, den zumindest ein Teil der evangelischen Gesandten <pb n="LIX" facs="APWIIIA3-3_p0059" sameAs="#bsb00056732_00059"/>nicht kannte, handelte auch beim „Proponieren“ einiger Punkte auf <w lemma="eigene"><orig>ei-</orig><orig>gene</orig></w> Initiative und wurde von Thumbshirn und Lampadius noch <w lemma="während"><orig>wäh-</orig><orig>rend</orig></w> der Sitzung vorsichtig zurechtgewiesen. Am 17. März handelte Krull bei Übergabe der evangelischen <hi style="font-style:normal;">Gravamina politica</hi> eindeutig als <w lemma="Repräsentant"><orig>Reprä-</orig><orig>sentant</orig></w> des Corpus Evangelicorum, ebenso in der Plenarversammlung am 27. April. In diesem Fall war Krull sogar Verfasser des verlesenen <w lemma="Schriftsatzes"><orig>Schrift-</orig><orig>satzes</orig></w>. Magdeburg war also nicht in jedem Fall nur Sprachrohr des Corpus Evangelicorum, sondern hat auch eigenständige Beiträge zum <w lemma="gemeinsamen"><orig>gemein-</orig><orig>samen</orig></w> Handeln geleistet und ist zum Teil eigenmächtig mit seinen „<w lemma="Propositionen"><orig>Pro-</orig><orig>positionen</orig></w>“ hervorgetreten.</p>
	  <p style="font-style:italic;">Trotz großer Homogenität wies die Gruppe der Protestanten eine <w lemma="Binnenstruktur"><orig>Binnen-</orig><orig>struktur</orig></w> auf. Wesenbeck spielte aufgrund seiner Doppelfunktion als <w lemma="kurbrandenburgisch"><orig>kur-</orig><orig>brandenburgisch</orig></w>-pommerscher Gesandter eine Sonderrolle und führte <w lemma="abweichende"><orig>ab-</orig><orig>weichende</orig></w> oder modifizierte Voten, wenn Belange des Kurfürstenrats <w lemma="betroffen"><orig>be-</orig><orig>troffen</orig></w> waren<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0059n101" xml:id="bsb00056732_00059_n01"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00059_001"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 362 Z. 24ff; S. 400 Z. 9–17.</p></note>. Dabei wurde er gelegentlich von den Wetterauer <w lemma="Gesandten"><orig>Ge-</orig><orig>sandten</orig></w> unterstützt, die sich Pommern in zwei Fällen zwar nicht direkt anschlossen, aber ausdrücklich „indifferent“ waren<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0059n102" xml:id="bsb00056732_00059_n02"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00059_002"/> <p style="font-style:italic;">Die Wetterauer Gf.en erschienen deshalb neben Pommern als einziger ev. Reichsstand des <choice><abbr>FRO</abbr><expan>Fürstenrat in Osnabrück</expan></choice> nicht in der Liste jener, die sich einem Vermittlungsvorschlag Magdeburgs in der Frage der Röm. Kg.swahl angeschlossen hatten (s. S. 145 Z. 14f; S. 246 Z. 4f). Zu den Gründen der Verbindung zwischen Kurbrandenburg-Pommern und den Wetterauer Gf.en s. <hi style="font-style:smallCaps;">Brunert</hi>, in <hi style="font-style:normal;">APW</hi> III A 3/1, LXXXVIII.</p></note>. Auch Hessen-Darmstadt spielte eine Sonderrolle. Seine Gesandten paßten sich der <w lemma="Position"><orig>Posi-</orig><orig>tion</orig></w> des Österreichischen Direktors so weit an, wie es ohne gänzliches <w lemma="Ausscheren"><orig>Aus-</orig><orig>scheren</orig></w> aus der gemeinsamen Linie der Evangelischen möglich war. Eine deutliche Distanzierung von den übrigen evangelischen Gesandten <w lemma="bedeutete"><orig>bedeu-</orig><orig>tete</orig></w> die Suspension ihres Votums am 8. Februar<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0059n103" xml:id="bsb00056732_00059_n03"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00059_003"/> <p style="font-style:italic;">Siehe oben bei Anm. 77.</p></note>. Sonst nahm Hessen-Darmstadt bisweilen eine schwankende Position ein, indem es einerseits Österreich, andererseits unter bestimmten Bedingungen oder Vorbehalten einem oder mehreren evangelischen Votanten zustimmte<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0059n104" xml:id="bsb00056732_00059_n04"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00059_004"/> <p style="font-style:italic;">Siehe z. B. S. 88 Z. 28–32: wie Österreich, bei Schwierigkeiten und in den übrigen <w lemma="Punkten"><orig>Punk-</orig><orig>ten</orig></w> wie Magdeburg; S. 227 Z. 28–40: wie Österreich, doch auch für die Vorschläge Braunschweig-Lüneburgs und anderer; S. 316 Z. 1f, S. 317 Z. 1: wie Österreich, aber auch mit Pommern und Württemberg.</p></note>. Wenn es um reichsstädtische Belange ging, befanden sich Sachsen-Lauenburg und die Fränkischen Grafen, deren Gesandte Gloxin und Oelhafen von <w lemma="Schöllenbach"><orig>Schöllen-</orig><orig>bach</orig></w> auch im Städterat votierten, in einer natürlichen Allianz<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0059n105" xml:id="bsb00056732_00059_n05"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00059_005"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 406 Z. 24f: Einsatz für die Mediatstädte.</p></note>.</p>
	  <p style="font-style:italic;">Den gelegentlichen Dissidenten stand eine Gruppe von Gesandten <w lemma="gegenüber"><orig>gegen-</orig><orig>über</orig></w>, die mit Magdeburg einen mehr oder weniger festen Block bildeten: Sachsen-Altenburg und Sachsen-Coburg (Thumbshirn und Carpzov) <w lemma="hatten"><orig>hat-</orig><orig>ten</orig></w> identische Instruktionen<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0059n106" xml:id="bsb00056732_00059_n06"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00059_006"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 12 Z. 12–19.</p></note>; sie votierten formal jeder für sich, der <w lemma="Sache"><orig>Sa-</orig><orig>che</orig></w> nach aber immer gleich, beide auch in großer Übereinstimmung mit <pb n="LX" facs="APWIIIA3-3_p0060" sameAs="#bsb00056732_00060"/>Magdeburg. Das galt auch für Heher, der die übrigen fürstlich <w lemma="sächsischernestinischen"><orig>sächsisch-</orig><orig>ernestinischen</orig></w> Voten führte. Braunschweig-Lüneburg gehörte ebenfalls zu dieser Gruppe, in der Lampadius und Thumbshirn die entscheidenden Persönlichkeiten waren<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0060n107" xml:id="bsb00056732_00060_n01"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00060_001"/> <p style="font-style:italic;">Siehe z. B. S. 399 Z. 34f: Lampadius wiederholte das Sachsen-Altenburger Votum; S. 198 Z. 9–19: Lampadius und Thumbshirn stützten sich in ihrer Kritik am Reichsdirektorium; S. 385 Z. 29ff: Lampadius ließ sich durch Thumbshirn vertreten; S. 370 Z. 22f, S. 371 Z. 28f: beide übten vorsichtige Kritik an Magdeburg.</p></note>. Für Thumbshirn waren die Verhandlungen der <hi style="font-style:normal;">Gravamina ecclesiastica</hi> besonders wichtig. Er nahm unter den <w lemma="evangelischen"><orig>evan-</orig><orig>gelischen</orig></w> Nominierten aus dem Fürstenrat die ranghöchste Position ein und trat als Sprecher der übrigen auf, wenn es um diese Verhandlungen ging<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0060n108" xml:id="bsb00056732_00060_n02"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00060_002"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 96 bei Anm. 45. Als die Aushändigung der kath. <hi style="font-style:normal;">Gegenbeschwerden</hi> im <choice><abbr>FRO</abbr><expan>Fürstenrat in Osnabrück</expan></choice> verkündet wurde, zeigte Thumbshirn am deutlichsten seine Freude (s. Nr. 100 bei Anm. 20). – Zu den Gravaminaverhandlungen s. unten bei Anm. 203.</p></note>. Pfalz-Lautern, Pfalz-Simmern und Pfalz-Zweibrücken, <w lemma="Mecklenburg"><orig>Mecklen-</orig><orig>burg</orig></w>-Schwerin und Mecklenburg-Güstrow, Hessen-Kassel, Württemberg und Anhalt schlossen sich in der Regel dieser Gruppe an, traten aber <w lemma="allesamt"><orig>alle-</orig><orig>samt</orig></w> nicht sonderlich hervor. Der württembergische Gesandte (<w lemma="Varnbüler"><orig>Varnbü-</orig><orig>ler</orig></w>) hatte oft für seine Pfalz-Veldenzer Stimme keine Spezialinstruktion, schloß sich aber aufgrund seiner allgemeinen Instruktion den übrigen an<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0060n109" xml:id="bsb00056732_00060_n03"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00060_003"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 112 bei Anm. 69; Nr. 113 bei Anm. 100; <ref type="line" subtype="intern" facs="#APWIIIA3-3_p0448n23" target="#bsb00056732_00448_030">Nr. 114 Anm. 23</ref> und S. 327 Z. 28f.</p></note>.</p>
	  <p style="font-style:italic;">Unter den katholischen Reichsständen votierten Österreich und Bayern häufig übereinstimmend<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0060n110" xml:id="bsb00056732_00060_n04"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00060_004"/> <p style="font-style:italic;">Eine Ausnahme war die Satisfaktionsfrage: Bayern wünschte als einziger Reichsstand im <choice><abbr>FRO</abbr><expan>Fürstenrat in Osnabrück</expan></choice> eine sofortige Aufnahme dieser Verhandlungen (s. S. 7 Z. 30 – S. 8 Z. 4). Zur <w lemma="Übereinstimmung"><orig>Über-</orig><orig>einstimmung</orig></w> zwischen Österreich und Bayern s. besonders: Nr. 97 Umfrage 1 und 3, Nr. 98; Nr. 102 Umfrage 2; Nr. 103 (S. 139 Z. 4f); Nr. 106 (S. 170 Z. 13f); Nr. 108 Umfrage 1; nicht berücksichtigt wurden Umfragen mit einstimmigem Ergebnis.</p></note>, ohne daß erkennbar wird, ob eine Absprache zwischen Richtersberger und Ernst vorangegangen war. In der Frage der schwedischen und französischen Satisfaktionsansprüche waren Bayern und Würzburg derselben Ansicht. Da beide ihr Votum vom 12. März <w lemma="schriftlich"><orig>schrift-</orig><orig>lich</orig></w> vorlegten und der Würzburger dabei das bayerische Votum <w lemma="ausdrücklich"><orig>ausdrück-</orig><orig>lich</orig></w> wiederholt haben wollte<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0060n111" xml:id="bsb00056732_00060_n05"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00060_005"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 112 bei Anm. 28.</p></note>, dürften beide Gesandte sich zuvor <w lemma="darüber"><orig>dar-</orig><orig>über</orig></w> verständigt haben. In zwei anderen Fällen beruhte eine auffällige Übereinstimmung zwischen Bayern und Würzburg wohl auf dem <w lemma="identischen"><orig>identi-</orig><orig>schen</orig></w>, aber nicht unbedingt vereinbarten Willen beider Reichsstände, den Frieden unter Zurücksetzung von Detailfragen so schnell wie möglich <w lemma="herbeizuführen"><orig>her-</orig><orig>beizuführen</orig></w><note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0060n112" xml:id="bsb00056732_00060_n06"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00060_006"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 370 Z. 1, S. 376 Z. 17.</p></note>. Als Richtersberger am 10. Februar die Aushändigung der katholischen <hi style="font-style:normal;">Gegenbeschwerden</hi> bekanntgab<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0060n113" xml:id="bsb00056732_00060_n07"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00060_007"/> <p style="font-style:italic;">Siehe Nr. 100.</p></note>, kommentierten das <w lemma="weder"><orig>we-</orig><orig>der</orig></w> Bayern noch Würzburg. Offenkundig war ihnen nicht daran gelegen, die Gravaminaverhandlungen in Gang zu bringen. Würzburg stimmte <pb n="LXI" facs="APWIIIA3-3_p0061" sameAs="#bsb00056732_00061"/>aber auch in manchen Fragen mit den evangelischen Gesandten überein, war in anderen Fällen indifferent, gab bisweilen eine ausweichende oder zweideutige Stellungnahme ab und nahm damit oft eine zwischen den Parteien stehende, um Ausgleich bemühte Position ein<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0061n114" xml:id="bsb00056732_00061_n01"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00061_001"/> <p style="font-style:italic;">Übereinstimmung mit den ev. <choice><abbr>Ges.</abbr><expan>Gesandter, Gesandte</expan></choice>: s. Nr. 97 Umfrage 1; Nr. 108 Umfrage 1; S. 394 Z. 33f: Pfalz-Lautern stimmt Würzburg zu. Indifferenz: s. S. 34 Z. 16f; Nr. 110 Umfrage 1. Ausweichende Stellungnahme: S. 58 Z. 27–30: Würzburg will sich erst nach genauerer Erklärung äußern; S. 107 Z. 28f: Würzburg kommentiert das Mehrheitsvotum aus <w lemma="Münster"><orig>Mün-</orig><orig>ster</orig></w> nicht; S. 394 Z. 22–27: Würzburg macht einen vermittelnden Ergänzungsvorschlag.</p></note>.</p>
	  <p style="font-style:italic;">Auch als die Zahl der katholischen Voten durch Salzburg, Freising, <w lemma="Konstanz"><orig>Kon-</orig><orig>stanz</orig></w>, Kempten, Corvey, die Schwäbischen Prälaten und Grafen verstärkt wurde, gab es zwischen den katholischen Gesandten keinen <w lemma="Zusammenschluß"><orig>Zusammen-</orig><orig>schluß</orig></w>, der mit der evangelischen Parteibildung vergleichbar gewesen <w lemma="wäre"><orig>wä-</orig><orig>re</orig></w>. Gewisse Spannungen zwischen Österreich und Bayern einerseits und Salzburg andererseits wurden in der leichten Kritik am Salzburger <w lemma="Correlationsentwurf"><orig>Corre-</orig><orig>lationsentwurf</orig></w> und noch mehr darin deutlich, daß Salzburg mit den <w lemma="evangelischen"><orig>evan-</orig><orig>gelischen</orig></w> Reichsständen die Aufnahme der evangelischen <hi style="font-style:normal;">Gravamina <w lemma="politica"><orig>po-</orig><orig>litica</orig></w></hi> in den Correlationsentwurf forderte, während Österreich nur damit einverstanden war, daß sie beigelegt wurden<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0061n115" xml:id="bsb00056732_00061_n02"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00061_002"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 392 Z. 1–9, 11–16; S. 393 Z. 5–8; S. 406 Z. 32f.</p></note>. In der Frage, ob die <w lemma="kaiserlichen"><orig>kai-</orig><orig>serlichen</orig></w> und kurfürstlichen Reservatrechte erschöpfend aufgezählt <w lemma="werden"><orig>wer-</orig><orig>den</orig></w> sollten, standen Österreich, Bayern und (Kurbrandenburg-)Pommern gegen die meisten anderen katholischen und evangelischen <w lemma="Reichsstände"><orig>Reichsstän-</orig><orig>de</orig></w><note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0061n116" xml:id="bsb00056732_00061_n03"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00061_003"/> <p style="font-style:italic;">Pommern war an sich derselben Ansicht wie Österreich und Bayern, machte aber einen Kompromißvorschlag, da die Mehrheit abweichend votierte (s. S. 400 Z. 9–17).</p></note>. Angesichts der Gemeinsamkeit kaiserlicher und kurfürstlicher <w lemma="Belange"><orig>Be-</orig><orig>lange</orig></w> fanden Richtersberger, Ernst und Wesenbeck also zu einer <w lemma="punktuellen"><orig>punktuel-</orig><orig>len</orig></w> Allianz. Abgesehen von solch gelegentlicher Konformität ist nie eine dauerhafte Übereinstimmung und ein gemeinsames Vorgehen von Bayern und Pommern erkennbar<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0061n117" xml:id="bsb00056732_00061_n04"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00061_004"/> <p style="font-style:italic;">Beispiel für punktuelle Übereinstimmung: s. S. 90 Z. 31f; bei anderer Gelegenheit hat Bayern sich trotz gemeinsamer Interessen und ausdrücklicher Aufforderung nicht dem pommerschen Votum angeschlossen (s. S. 148 Z. 14f).</p></note>. Ebensowenig gibt es Anhaltspunkte, daß Bayern oder auch Österreich mit einem der katholischen <w lemma="Neuankömmlinge"><orig>Neuankömm-</orig><orig>linge</orig></w> in engerer Verbindung gestanden hätte. Die Schwäbischen Grafen (Leuxelring) schlossen sich in der Frage der kaiserlichen und kurfürstlichen Reservatrechte Würzburg an und hielten damit (ebenso wie Pfalz-<w lemma="Lautern"><orig>Lau-</orig><orig>tern</orig></w>, -Simmern und -Zweibrücken) eine mittlere Linie ein<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0061n118" xml:id="bsb00056732_00061_n05"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00061_005"/> <p style="font-style:italic;">Siehe S. 394 Z. 22–27, S. 396 Z. 6 und 8, S. 405 Z. 6f.</p></note>. Schließlich mögen auch die Präzedenzstreitigkeiten zwischen Österreich und <w lemma="Salzburg"><orig>Salz-</orig><orig>burg</orig></w> sowie zwischen Würzburg und Bayern störend auf die gegenseitigen Beziehungen gewirkt haben<note type="edd" subtype="commAnnot" place="foot" facs="APWIIIA3-3_p0061n119" xml:id="bsb00056732_00061_n06"><lb facs="-" xml:id="bsb00056732_00061_006"/> <p style="font-style:italic;">Zu Österreich und Salzburg s. S. LI; zu Bayern und Würzburg s. Nr. 121 bei Anm. 6.</p></note>.</p>
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